Mit erwartungsfrohen Gesichtern waren 31 Pilger aus Waldbronn und Karlsbad am 7. Juni um 6.00 Uhr in der Frühe in Langensteinbach bei der Kirche zu einer Wallfahrt aufgebrochen. Als der Bus am 14. Juni um 18.30 Uhr wieder an der gleichen Stelle hielt, verließen 31 Menschen mit glücklichen Gesichtern den Bus. Die acht Tage Wallfahrt „Auf den Spuren von St. Martin“ ins französische Loire-Tal hatten sich wahrlich gelohnt.
Nachdem die Katholiken unserer Gemeinden seit diesem Jahr zur neuen Großpfarrei St. Martin gehören, war das Reiseziel irgendwie naheliegend, obwohl es nach Tours – ganz und gar nicht naheliegend - 768 Kilometer sind. Doch in der Obhut unseres Steuermanns Harald, eines waschechten Pfälzers vom bewährten Busreiseunternehmen Fichtenkamm aus Landau, verging die Fahrt wie im Fluge.
In Tours wirkte Martin im 4. Jahrhundert viele Jahre als Bischoff, dort ist er begraben. Viele Kirchen, Gebäude und Ruinen entlang der Loire zeugen noch heute von seinem segensreichen Wirken. Dabei war Martin kein Franzose. Er war Sohn eines römischen Soldaten, geboren in Südosteuropa, dem heutigen Ungarn. Martin wurde selbst Soldat und kam so nach Frankreich. Dort, in Amiens, ereignete sich auch die Geschichte mit dem Bettler und dem geteilten Mantel, die später zur St.-Martin-Legende wurde und bei uns bis heute in den Laternenumzügen im November nachwirkt.
Der christliche Glaube hatte es Martin schon früh angetan, deshalb quittierte er seinen Militärdienst. Er wollte nicht mehr Soldat des Kaisers sein, sondern Soldat Christi. In allen Geschichten und Schilderungen über ihn ist zu spüren, dass er ein eher zurückhaltender und demütiger Mensch war. Mit der Verehrung, die ihm viele Menschen seiner Zeit entgegenbrachten, konnte er nicht viel anfangen. Der Personenkult widersprach seiner Bescheidenheit und Gottesfürchtigkeit. Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Nächstenliebe waren seine moralischen Leitplanken. Dass er zum Bischoff von Tours ernannt wurde, hätte er wohl lieber verhindert. Er liebte es, zu den Menschen zu gehen, und ihnen Gott nahezubringen. Er ging zu allen, auch zu den Randständigen und Außenseitern. Das zeigt sich daran, welche Gruppen ihn als Schutzheiligen verehren: Arme und Bettler, Reisende und Geflüchtete, Gefangene und Abstinenzler, Soldaten und Kriegsdienstverweigerer. Ganz nebenbei ist er auch noch der offizielle Schutzpatron Frankreichs.
Die Pilgerreise ermöglichte es uns, Martins wichtigste Wirkungsstätten zu sehen: Die Kirche in Poitiers, in der er von Hilarius getauft wurde, das Kloster Ligugé, das er gründete (es war das erste Kloster im Abendland). Auch für das Kloster Marmoutier hat er den Grundstein gelegt; das kleine Dorf Candes St. Martin, wo er gestorben ist; die Basilika St. Martin in Tours, wo seine Grabstätte ist.
Im Loire-Tal finden sich kirchliche und weltliche Bauwerke aus vielen Jahrhunderten in einer Dichte wie man es sonst nur selten in dieser Welt. Allein 400 Schlösser werden an der Loire und ihren Nebenflüssen gezählt. Einige davon lagen auf unserem Weg. Das Königsschloss in Amboise; das Wasserschloss von Azay le Rideau; das Schloss von Villandry mit seinen wunderbaren Gärten; und natürlich Chambord, das Schloss der Schlösser, das für jeden Märchenfilm taugen würde - in einem riesigen Waldpark gelegen, mit knapp 50 Türmen und Türmchen, von denen sich jedoch einige als Kamine entpuppten.
Das Loiretal war aber auch die Heimat anderer Menschen mit Weltruf. Leonardo da Vinci, Universalgenie des 15. und 16. Jahrhunderts, hat in Amboise seine letzten Lebensjahre verbracht. Auch seine Spuren sind überall sichtbar. Und dann ist da noch Jeanne d’Arc, bei uns besser bekannt als Jungfrau (Johanna) von Orléans, deren Kathedrale in Orleans wir natürlich auch einen Besuch abstatteten. In den kühlen Katakomben der großen Kirche feierten wir – wie fast jeden Tag – eine heilige Messe. Wir hatten immer wieder besondere Orte für unsere Gottesdienste. Und Pfarrer Ret hat stets die richtigen Worte gefunden, um uns das geistige Rüstzeug für die weitere Reise mitzugeben.
Über Orléans ging es zur letzten Station unserer Wallfahrt, nach Chartres. Die Stadt westlich von Paris hat eine gewaltige Kathedrale mit dem Prädikat UNESCO-Welterbe. Das aufregende Bauwerk, der Gottesmutter (Notre Dame) gewidmet, bot bei der Besichtigung einen Hingucker nach dem nächsten, vom riesigen Bodenlabyrinth im Zentrum des Bauwerks bis hin zu einem scheinbar unendlichen Figurentheater, in dem Bildhauer rund um den Altarraum das Leben von Christie abgebildet haben. In der Nacht aber bietet das riesige Gotteshaus noch eine ganz besondere Attraktion: Chartres en Lumieres. Dabei wird wie bei den Schlosslichtspielen in Karlsruhe die Kathedralen-Fassade mit aufregenden, bunten und aberwitzigen Lichteffekten bespielt. Dass die Stadt „nebenbei“ noch ein Dutzend anderer Gebäude aufwendig beleuchtet, durften wir bei einer nächtlichen Fahrt mit der Touristen-Bimmelbahn durch die Stadt bewundern.
Als es am letzten Tag dann heimwärts ging, dachten wir, wir hätten alles gesehen. Aber wir hatten die Rechnung ohne unseren Harald gemacht. Der Busfahrer fuhr nicht um Paris herum, nein, er fuhr mitten hindurch. So gab es zum Abschluss noch eine Rundfahrt durch die Stadt der Liebe, der ganze Bus sang beseelt das „Oh, Champs Elysees“ mit. Beim kurzen Halt am Trocadero konnten alle noch Erinnerungsfotos vor dem Eiffelturm schießen.
Eine solche Reise wäre nicht möglich, wenn sich nicht einige Menschen besonders in Zeug legen würden. Pfarrer Torsten Ret hatte zusammen mit Nicole Siegwart und Mirjam Bartberger die Reiseleitung übernommen. Das Trio hatte ein tolles Programm zusammengestellt und für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Die Stimmung? Durchgehend gut. Unser Busfahrer Harald war ein echtes Pfälzer Unikat, ebenso unsere Reiseleiterin Clivia, die uns von Tag zwei bis Tag sieben begleitete. Die gebürtige Dresdnerin lebt in Marseille, hat das Herz am rechten Fleck und ist nie um einen guten Spruch verlegen. Ihr verdanken wir neben historischen und kulturellen Erkenntnissen auch viel neues Wissen über das Leben in Frankreich.
Da wären wir auch schon bei „Leben wie die Könige in Frankreich“. Wir waren immer bestens versorgt, vom Frühstück über den Mittagsimbiss bis zum Abendessen. Obwohl uns manches Tagesprogramm körperlich einiges abverlangt hat, dürfte niemand abgemagert nach Hause gekommen sein. Dazu schmeckten Baguette, Käse und Wein einfach zu gut.
Udo Koller






































































